Königstochter, Landgräfin, Ehefrau, Mutter, Witwe, Wohltäterin und Gründerin: In den 24 Jahren ihres Lebens nahm Elisabeth von Thüringen verschiedene Rollen ein. Ihre Biografie lehrt: Das Dasein mittelalterlicher Frauen spielte sich keineswegs nur zwischen Ehe oder Kloster ab.
Zugegeben: Die selbstständige berufstätige Frau kannte das Mittelalter nicht. Jedenfalls nicht in unserem Sinne. Zumindest übergangsweise konnten Witwen allerdings die Betriebe ihrer verstorbenen Männer weiterführen. Als Adelige oder Bürgersfrau den kreuzfahrenden oder handlungsreisenden Gatten zu vertreten, war ohnehin selbstverständlich. Die Ehefrau eines Händlers oder Handwerkers übte in der Regel einen Beruf aus. Indem sie im Betrieb mitarbeitete. So, wie es bis heute teilweise in mittelständischen Betrieben noch üblich ist. Man mag einwenden, dass alle diese Möglichkeiten an die Existenz eines Ehemannes geknüpft sind. Andererseits konnten mittelalterliche Männer ihre Berufe in den seltensten Fällen frei wählen. Als Ritter, Kaufmann oder Goldschmied wurde man(n) geboren.
Die frauenbewegte Geschichtsschreibung der 1970er- und 1980er-Jahre ließ die Alternativen Ehe oder Kloster bisweilen wie die Wahl zwischen Skylla und Charybdis erscheinen. Dabei bot das Leben als Ordensfrau oder -mann durchaus Gestaltungsmöglichkeiten. Und nicht nur das. Während die Hinwendung zur Kirche heute eher als konservativ eingestuft wird, war eine intensiv gelebte Frömmigkeit zu bestimmten Zeiten ein Austeigermodell. Als iroschottische Mönche im 7. Jahrhundert im Frankenreich wirkten, faszinierten sie junge Adelsöhne und -töchter. Dass diese scharenweise in die neuen Klöster eintraten, fanden die dynastische denkenden Eltern wenig amüsant. Gottfried von Cappenberg schockierte im 12. Jahrhundert sein adeliges Umfeld nebst Ehefrau und Schwiegervater, indem er seine Burg samt Güter kurzerhand in ein Prämonstratenserstift verwandelte.
Sinnenfroh und fromm
Elisabeth von Thüringen fühlte sich ebenfalls zu einer radikalen Frömmigkeit hingezogen. Ein Leben, das Leiden, Armut und Nächstenliebe im Sinne Christi aktiv nachvollzog, war ihre Form der Selbstverwirklichung. Die Konflikte mit ihrem standesgemäßen Umfeld nahm sie dafür in Kauf.
Die Königstochter Elisabeth wurde 1207 in Ungarn geboren. Als diplomatisches Pfand versprach sie der Vater, König Andreas II., dem Sohn des einflussreichen Landgrafen von Thüringen. Ludwig und Elisabeth waren beide noch Kinder. Gefragt wurde keines von ihnen. Dennoch soll die kurze Ehe sehr glücklich gewesen sein. Möglicherweise, weil die kleine Prinzessin mit ihrem Verlobten am Thüringer Hof in Eisenach aufwuchs. Dort fügte sich Elisabeth in die elegante Minnekultur des Hochmittelalters. Quellen zeichnen das Bild einer fröhlichen Frau, die gerne tanzte, musisch begabt war und sehr gut reiten konnte. Auch sinnenfroh scheint die junge Frau gewesen zu sein. Nachts ließ sie sich regelmäßig zu Bußübungen wecken. Damit der schlafende Gemahl nicht gestört wurde, sollte die Weck-Magd sie an der Zehe ziehen. Einmal erwischte die Dienerin im Durcheinander der Gliedmaßen jedoch Ludwigs Zehe. Der nahm die Störung gelassen hin, so die Vita Elisabeths.
Begegnung mit der Armut
Bei Reisen oder Kirchgängen begegnete Elisabeth der Armut in ihrem Land. Thüringen litt unter harten Wintern, Hungersnöten und Kriegen. Eine neue Frömmigkeitsbewegung, ausgehend vom Armutsideal des Franz von Assisi, schärfte den Blick vieler Menschen für diese Notstände. Auch den von Elisabeth: Bei einem Kirchgang mit ihrer Schwiegermutter Sophia kniete sie vor dem Altar nieder und nahm ihre Krone ab. Während des Gottesdienstes setzte sie sie nicht wieder auf. Auf Nachfrage erklärte sie: „Es kann nicht richtig sein, dass im Angesicht meines Herrn Jesus Christus, den ich mit Dornen bekrönt sehe, ich wertloses Ding mich durch den Hochmut des Stolzes gekrönt zeige.“
Der Landgraf tolerierte die Askese und Armenfürsorge seiner Frau. Zumal Elisabeth ihren Aufgaben als Landesherrin nachkam. Sie gebar drei Kinder, darunter einen Sohn. Sie repräsentierte die Herrschaft ihres Mannes bei Festen, auf Reisen und sogar bei Rechtshandlungen. Der Spagat zwischen höfischer Pflichterfüllung und religiösem Ideal setzte ihr allerdings zu. An wichtigen Hoftagen versuchte sie, ihre geistlichen Übungen bereits im Voraus zu erfüllen, um später gemeinsam mit ihrem Mann repräsentieren zu können. Dabei war Elisabeth keine weltfremde Asketin. Ihr Engagement für Bedürftige zeigte praktischen Sinn. Während einer Hungersnot in den Jahren 1225/26 verteilte sie nicht nur Lebensmittel. Arbeitsfähige Menschen unterstützte sie zusätzlich mit Kleidung, Schuhen und sogar mit Sicheln. So konnten sie bei der Ernte mithelfen und ihren Lebensunterhalt selbst verdienen.
Ein radikaler Schritt
1226 stellte sich Elisabeth unter die religiöse Anleitung des Predigers Konrad von Marburg. Unter seinem Einfluss wurde ihre asketische Lebensweise noch strenger. Ein Jahr später änderte sich ihr Leben grundlegend. Am 11. September 1227 starb ihr Mann Ludwig auf dem Weg zu einem Kreuzzug in Italien am Fieber. Elisabeth war erst 20 Jahre alt. Nach Ludwigs Tod verließ sie den Fürstenhof. Konrad von Marburg erwirkte für sie einen päpstlichen Schutzbrief, der auch ihren Besitz sicherte. Eine Tante, die Äbtissin des Benediktinerinnenklosters Kitzingen war, nahm die junge Witwe zunächst auf. Doch Elisabeth entschied sich bewusst gegen den Eintritt in einen Orden. Sie wollte das radikale Armutsideal der Franziskaner leben.
Mit Hilfe einer Abfindung der landgräflichen Familie ließ Elisabeth nördlich von Marburg ein Hospital errichten. Dort sollten Arme und Kranke versorgt werden. Um das Hospital kümmerte sich eine klosterähnliche Frauengemeinschaft, der Elisabeth selbst beitrat. Ihr Leben war nun vollständig auf Pflege, Fürsorge und religiöse Hingabe ausgerichtet. Der Preis für dieses aufopfernde Leben war hoch. Die Entbehrungen hatten ihren Körper stark geschwächt. Als sie schwer erkrankte, konnte sie der Krankheit kaum Widerstand leisten. Elisabeth starb am 17. November 1231 – erst 24 Jahre alt. Nach ihrem Tod setzte Konrad von Marburg das Verfahren zur Heiligsprechung in Gang.
Ein Leben jenseits einfacher Kategorien
Innerhalb des begrenzten Rahmens mittelalterlicher Frauen verwirklichte Elisabeth von Thüringen, was ihr wichtig war. Dass dies ein Leben voller Entbehrungen war, entsprach ihrem Ideal, Christus nachzufolgen. Für die meisten modernen Frauen ist das sicherlich nicht erstrebenswert. Aber das Mittelalter lässt sich mit unseren Auffassungen von Emanzipation oder Unterdrückung nicht fassen. Letztlich können wir die Frauen – und Männer – des Mittelalters nur ansatzweise begreifen, wenn wir ihr Leben im Kontext ihrer Wertvorstellungen zu begreifen versuchen.
Die Wartburg bei Eisenach: Hier wuchs Elisabeth von Thüringen auf, nachdem sie als Kind an den Hof der thüringischen Landgrafen gekommen war. – Foto: Schwarze