Obwohl die Nationalsozialisten von „Machtergreifung“ sprachen, brauchten sie mehr als ein Jahr, um ihre Diktatur zu errichten. In manchen Bereichen dauerte es noch länger, die Weimarer Republik auszuhöhlen. Die Weichen stellte Adolf Hitler unmittelbar nach seiner Ernennung zum Reichskanzler, etwa mit dem Ermächtigungsgesetz, das am 23. März
1933 beschlossen wurde. Die Demontage der Demokratie spiegelt sich sogar in einer harmlosen Zeitschrift, die nur „Sonne ins Haus“ bringen wollte – und systematisch zur Parteizeitung verkam.
Harmlos und erbaulich
Vor einigen Jahren fand ich auf einem Flohmarkt ein Konvolut dieser Zeitschrift: eine einfache, erbauliche Illustrierte für Menschen mit bescheidenem Einkommen. Ursprünglich hatte mich die Modeillustrationen interessiert, die ich sammle. Bei einer Aufräumaktion fiel mir der dicke Band wieder in die Hände. Das vergilbte Papier ist brüchig. Es lässt sich nur mit äußerster Vorsicht umblättern. Die sepiafarbenen Fotos sind nicht gerade bestechend scharf, die bunten Titelillustrationen putzig in ihrer altertümlichen Anmutung. Thematisch entfaltet die Redaktion ein „Buntes Allerlei“, wie der Titel einer Rubrik lautet. Alles ist erbaulich und für den Alltagsgebrauch hinreichend informativ.
Es handelte sich um eine „Illustrierte Familienzeitung mit Versicherung“, die alle14Tage im Verlag Bernhard Meyer in Leipzig erschien. Ende des Jahres 1932 zahlten die Abonnenten 70 Pfennige pro Heft. Aus den Einnahmen der Zeitschrift deckte der Verlag die Prämien für Unfall-, Sterbe- und Kindergeldversicherungen. Das Lockvogelangebot bewirkte eine enge Bindung der Leser ans Blatt. Die Leser waren auf das Blatt eingeschworen. Umgekehrt ließen sie sich über das Blatt einschwören. Diese Möglichkeit nutzte der mit Göring befreunde Verleger nach dem 30. Januar 1933. Innerhalb eines Jahres vollzog sich die Gleichschaltung von „Sonne ins Haus“, teilweise parallel zur Gleichschaltung auf gesellschaftlicher und politischer Ebene.
Hitlerjugend statt Wandervögel
Das wurde mir bewusst, als ich beim Durchblättern ab den Ausgaben des Jahres 1933 auf völlig neue Bilder und Überschriften stieß. Das einst harmlose, nahezu unpolitische Blatt wandelte sich innerhalb weniger Monate radikal. Wo sich in früheren Heften noch Kinder, Sportler und putzige Tiere tummelten, marschierten nun Hitlerjugend, Schupo-Wachen und Uniformierte in Reih und Glied. Heft für Heft wurden die Leser an nationalsozialistische Bilder und Begriffe gewöhnt: an Waffen, an kriegerische Formulierungen. Diese Form der Indoktrination darf nicht unterschätzt werden. Die Entmenschlichung von Mitmenschen durch abwertende, diskriminierende Begriffe sorgte mit der Zeit für Enthemmungen. Als die Wehrmacht am 1. September 1939 Polen angriff, war sie durch die NS-Rassenlehre jahrelang manipuliert worden: Osteuropa gelte es zum Wohle des deutschen Volkes von „Parasiten“, „Schädlingen“ und „Ungeziefer“ zu „säubern“. Diese sprachliche Doktrin höhlte nach und nach die Hemmungen gegenüber dem Mord an Zivilisten aus.