Kinderbücher gegen den Krieg: Annedore Leber und Margot Benary-Isbert

Ihre Namen kennen vermutlich nur noch Liebhaberinnen und Liebhaber antiquarischer Bücher. Trotzdem sind es diese beiden Frauen wert, dass man sich an sie erinnert: Annedore Leber und Margot Benary-Isbert schrieben nach dem Zweiten Weltkrieg für Kinder. Bücher, in denen junge Leserinnen und Leser gelebte Beispiele für Solidarität, Frieden und Verständigung fanden.

Ein Raubritter, eine törichte Jungfrau und ein Diktator

Ein Raubritter ist aus seinem Grab aus dem Dom von Vogelsang verschwunden. Am Kirchenportal fehlt plötzlich eine der törichten Jungfrauen nebst dem hässlichen Wasserspeier, der über ihrem Kopf hockte. Dafür bringt ein diktatorischer Bürgermeister auf einmal viel Unruhe in das friedliche Städtchen.

In der Geschichte „Anemone und der böse Kauz“ kommt alles vor, was ein spannendes Jugendbuch so braucht: Geheimnisse, Tiere, Humor, Fantastisches, Bösewichte. Dazu noch ein Hauch Romantik. Bei aller Lust am Abenteuer und am Fabulieren wirbt die Autorin Margot Benary-Isbert dabei konsequent für Kameradschaft und Mut. Nur mit Hilfe dieser Eigenschaften lässt sich der Diktator schließlich besiegen.

Benary-Isbert versteht es, eine beklemmende Atmosphäre heraufzubeschwören, die den Leser gefangen hält. Und sie weiß, wovon sie schreibt – denn sie hat die NS-Diktatur selbst erlebt.

Geschichten aus dem Luftschutzkeller

Ihre Geschichte von Anemone entstand während der letzten Monate des Zweiten Weltkriegs. Benary-Isbert erzählte sie, während sie mit anderen Menschen in einem Erfurter Luftschutzkeller auf das Ende des Fliegeralarms wartete. Je länger die Kinder und Erwachsenen dort unten festsaßen, desto unruhiger wurden sie. Benary-Isbert versuchte, die aufgeregten Gemüter mit Geschichten abzulenken. Dabei vermischten sich Wahrheit und Dichtung. So wie bei Tante Gundula, der guten Fee der Geschichte. Sie wurde wohl von der kriegsbedingten Lebensmittelknappheit inspiriert. Irgendeiner der Zuhörer kannte bestimmt eine Frau wie sie, die unzählige Ostereier für Kinder bemalte, obwohl es auf Lebensmittelkarten nur ein Ei pro Monat gab.

Die 1889 geborene Schriftstellerin Benary-Isbert hatte während des Nationalsozialismus keinen Verleger gefunden, da sie sich weigerte, regimekonform zu schreiben. 1945 floh die Familie vor der sowjetischen Armee und wanderte 1952 in die USA aus. Nun begann Margot Benary-Isbert intensiv mit ihrer schriftstellerischen Tätigkeit. Ihre Bücher spiegeln Erinnerungen an Kohlenknappheit, Verdunklungsvorschriften und den Abschied von Freunden, die an die Front müssen. Dem setzte Benary-Isbert junge Hauptfiguren entgegen, die Freundschaft und gegenseitiges Verständnis leben.

Journalistin, Verlegerin, Widerstandsfrau: Annedore Leber

Eine ähnlich bewegte Lebensgeschichte steht hinter dem Werk von Annedore Leber. Als Journalistin und Verlegerin wollte sie in der Nachkriegszeit demokratische Werte vermitteln – eine Aufgabe, die sie sich stellte, nachdem ihr Mann von den Nationalsozialisten ermordet worden war.

1927 hatten Annedore Rosenthal und Julius Leber, SPD-Reichstagsabgeordneter und Chefredakteur des „Lübecker Volksboten“, geheiratet. 1933 wurde er inhaftiert und in Konzentrationslagern festgehalten. Annedore Leber musste sich und ihre beiden Kinder ernähren. Gleichzeitig jagte sie jeden Tag durch Gestapo-Stellen, Ministerien und KZ-Lagern ihrem Mann nach. Schließlich erreicht sie seine Freilassung.

Als Journalist durfte Julius Leber nicht mehr arbeiten. Er wurde Mitgesellschafter einer Kohlenhandlung in Berlin. Tatsächlich dienten deren Räume als Treffpunkt für Widerstandsgruppen, darunter jene um Claus von Stauffenberg. Nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler wurde Julius Leber als Mitverschwörer am 5. Januar 1945 erhängt. Annedore Leber und ihre Kinder kamen für einige Monate in Sippenhaft.

Nach Kriegsende verpflichtet sie sich, das Andenken der Widerstandskämpfer zu bewahren. Das einst überbehütete junge Mädchen wird zu einer engagierten Sozialdemokratin.

Botschaft spielerisch eingebettet

Im Spielebuch „Wer reist mit?“ macht Leber aus ihren Überzeugungen keinen Hehl, vermittelt diese jedoch ohne erhobenen Zeigefinger. Erreichen die Kinder auf dem Spielplan die Städte Paris oder Den Haag, erfahren sie nebenbei etwas über die Erklärung der Menschenrechte oder den Internationalen Gerichtshof. Einen dringenden Appell richtet Leber in Athen an die jungen Mitspieler: Wer einmal die Olympischen Spiele der Neuzeit erlebt habe, die die „fremdesten Menschen“ zusammenbringen, der könne nicht verstehen, dass sie sich jemals wieder bekriegen. „Wir wünschen jedenfalls sehr, dass das aufhören möge.“