Schnappatmung vor dem Abendmahl

Morgens um 9 Uhr kann es im März auch in Mailand bitterkalt sein. Seit einer halben Stunde fror ich auf einem kleinen Platz vor mich hin. Die wärmende Wirkung des Espressos, den ich in der Bar gegenüber auf die Schnelle getrunken hatte, war längst verpufft. Die Piazza, auf der ich und meine Mitwartenden standen, bot wenig Ablenkung – ringsum Häuser mit glatt verputzten, sandsteinfarbenen Fassaden, dazwischen die schnörkellose Backsteinfront der Kirche Santa Maria delle Grazie. Ein schöner Renaissancebau, zugegeben.

Wie viel Zeit braucht ein Meisterwerk?

Aber nicht seinetwegen harrten wir in der Kälte aus. Wir wollten in das unscheinbare Haus nebenan. Es birgt eine der berühmtesten Wandmalereien der Welt: „Das letzte Abendmahl“, das Leonardo da Vinci vor mehr als 500 Jahren in den trockenen Putz des Speisesaals im Dominikanerkloster Santa Maria delle Grazie gemalt hat. Um die empfindlichen Farben zu schützen, wird der Zugang zu dem Meisterstück seitens des Ordens streng limitiert. Nur 15 Minuten lang dürfen sich maximal 25 Menschen gleichzeitig in dem Refektorium aufhalten. Dann ist die nächste Gruppe dran. Die Eintrittskarten müssen Wochen im Voraus bestellt werden. Unsere Runde hatte eine Führung gebucht. Doch unsere Reiseleiterin war seit mehr als 30 Minuten überfällig. Offenbar hatte sie die in der Nacht erfolgte Umstellung von Winter- auf Sommerzeit verschlafen. Immerhin ließ uns eine Verantwortliche trotzdem für die gekaufte Viertelstunde zum Abendmahl. Nun standen wir vor dem neun Meter breiten Fresko – ohne Vorkenntnisse, aber mit viel Zeitdruck. Da entsteht Schnappatmung. 

Spürbare Aufregung

Die meisten in unserer Gruppe entschieden sich dafür, ihre Aufmerksamkeit zwischen Jesus, seinen Jüngern und ihren Mobiltelefonen zu teilen. Die einen fotografierten wild drauflos, die anderen filterten aus dem Internet passende Informationen heraus. Beides ging von der kostbaren Zeit ab, die blieb, um Wandgemälde selbst zu betrachten. Die Frage ist, ob sich ein Meisterwerk wie dieses auch ohne Vorkenntnisse erschließen lässt. Genießen lässt. Ich würde sagen: Unbedingt. Wenn man in dem relativ kleinen klösterlichen Speisesaal hin- und hergeht, ohne das Bild aus den Augen zu lassen – und ohne dabei jemanden umzurennen –, fällt irgendwann auf: Da Vinci baute mit seiner Abendmahlsszene sozusagen einen zweidimensionalen Trakt an den vorhandenen Saal. Ganz nach vorne rückte er den Tisch, an dem Jesus und die Apostel sitzen. Wer davor steht, wird unmittelbar Zeuge der Aufregung, die die Jünger erfasste, als Jesus ihnen sagte: „Einer von euch wird mich verraten.“ Wer die biblische Geschichte nicht kennt, spürt die Aufregung trotzdem. Sie ist in den Mienen und Gesten der lebensgroß wirkenden Menschen rund um den Tisch fast greifbar. 

Da Vinci und der Trick mit dem Raum

Nach hinten hin verjüngt sich der Raum – ganz so, wie es ein realer Raum vom Standpunkt der Betrachter aus tun würde. Die Schatten malte da Vinci so, als fiele das Licht von links auf die Szenerie. Das entsprach der tatsächlichen Situation im Speisesaal: Dort schien die Sonne durch Fenster an der linken Wand. Heute lässt sich das nur noch erahnen, da eine spezielle Ausleuchtung das Tageslicht ersetzt. Das ist notwendig, um die empfindlichen Farbpigmente des Freskos vor Sonnenstrahlen zu schützen. Wer mit unterschiedlichen Abständen zum Bild spielt, stellt fest, dass die Aussicht auf den gemalten Raum immer so wirkt, wie es bei einem echten Anbau der Fall wäre. Mit diesem perspektivischen Kniff setzte Leonardo da Vinci vor 500 Jahren Maßstäbe, die uns bis heute beeindrucken.

Darum geht es in meinem Vortrag „Keine Angst im Museum“: Er will ermutigen, beim Betrachten von Kunst seinen Sinnen zu vertrauen. Oder dem menschlichen Instinkt, eine Geschichte zu (er)finden. Räumliche und rhythmische Effekte, Farben und Licht auf sich wirken lassen. Hinzusehen. Zu vergleichen. Anhand Beispielen aus dem Louvre, aus Museen in Madrid und Colmar wird gezeigt, wie Kunst allein durch ihre visuelle Kraft wirken kann. Dazu gibt es Tipps zum Fotografieren in Ausstellungen und zu Museen, die Erlebnisräume sind.

Kalter Märzmorgen vor der Kirche Santa Maria delle Grazie. – Schwarze

Draufhalten oder schauen? – Schwarze