Kein rettender Hafen

Mehr als 900 jüdische Flüchtlinge verlassen 1939 Deutschland an Bord der St. Louis, in der Hoffnung auf einen sicheren Hafen in Kuba. Doch die kubanische Regierung weist sie ab, ebenso wie die USA und Kanada. „Die Irrfahrt der St. Louis“ erzählt mit dieser Odyssee ein eher unbekanntes Kapitel der Shoah. Die Autorin Sara Dellabella und der Illustrator Alessio Lo Manto haben eine Graphic Novel geschaffen, die das Geschehen in wenigen Lebensgeschichten verdichtet. Ihr Mittelpunkt ist Kapitän Gustav Schröder, einer jener Deutschen, die den Ehrentitel eines „Gerechten unter den Völkern“ führen. Die Stärke des Buches liegt in der filmreifen visuellen Gestaltung und dem dialogreichen Text.

Einstieg mit filmreichen Szenen

Lo Manto arbeitet im Stil von Hergé, dem Autor der Tim-und-Struppi-Geschichten. Seine Figuren sind klar umrissen, sein Stil reduziert. Auf Schraffuren oder Schattierungen wird zugunsten einer übersichtlichen Dramaturgie verzichtet. Gesichter und Mimik beschränken sich auf wenige wiedererkennbare Linien. Es geht weniger um Individualität als um Emotionen: Hoffnung, Wut, Verzweiflung, Trauer. 

Gleich zu Beginn überschlagen sich die Szenen. Die Geschichte startet mit Montagen schneller Bildwechsel. Ein Mädchen wird aus dem Unterricht geschickt. Eine Menschenmenge sammelt sich unter Hakenkreuzfahnen. Ein Mann zieht eine Kapitänsuniform an, ein anderer steht beim Pfandleiher. Es gibt kaum erklärenden Text, hier und dort ein paar Wortfetzen. Das erzwingt Aufmerksamkeit. Die Leser müssen genau hinschauen, um zu erschließen, was in den Panels geschieht und wer zu wem gehört.

Die Flucht vor den Nationalsozialisten bringt die unterschiedlichsten Menschen auf der St. Louis zusammen. Die einen verzehren sich vor Heimweh, die anderen mimen aufgesetzte Fröhlichkeit und spielen Luxuskreuzfahrt. Ein großes doppelseitiges Bildfeld täuscht eine friedliche Seereise unter nachtblauem Himmel vor. Im Gegenzug wechseln sich temporeiche Handlungen in kleinen Panels ab. Auch in dieser Hinsicht überzeugt die Bildfolge.

Ohne Sensationslust

Die Farbpalette bleibt bewusst eingeschränkt: Schwarz, Grau, Blau und ein gelbliches Beige dominieren. Rot tritt selten auf und wird gezielt eingesetzt, um Ausbrüche von Wut und Gewalt zuzuspitzen. Rot färbt den Zweikampf zwischen einem fanatischen Nazi und einem Matrosen, der sich für die jüdischen Passagiere einsetzt. Auf sensationslüsterne Gewaltdarstellungen verzichtet die Graphic Novel dankenswerterweise. Hier bleibt Lo Manto eher abstrakt und gerade deswegen eindrücklich.

Oft lässt die Autorin Sara Dellabella die Bilder sprechen. Ihre Handlungsstränge hat sie frei erfunden, orientiert sich aber an wahren Begebenheiten im Zusammenhang mit dem Schicksal der St. Louis. Erklärenden Text gibt es kaum. Die historischen Zusammenhänge müssen sich Leserinnen und Leser aus den Dialogen ableiten, die das Geschehen an markanten Stellen auf den Punkt bringen.

Der historische Hintergrund erklärt sich vor allem aus ergänzendem Textmaterial am Anfang und am Ende des Buches. Darin wird unter anderem ein Überlebender der St. Louis interviewt. Hervorzuheben ist außerdem die Rede des kanadischen Premierministers. Am 7. November 2018, fast 80 Jahre, nachdem Kanada der St. Louis die Anlandung verweigerte, bat Justin Trudeau im Namen seiner Regierung um Entschuldigung, „für die Gefühllosigkeit Kanadas“. 

Appell für Zivilcourage

Dank des Einsatzes von Kapitän Gustav Schröder und jüdischen Organisationen nahmen schließlich die Niederlande, Belgien, Frankreich und Großbritannien die Passagiere der St. Louis auf. Sicher waren sie jedoch nur im Vereinigten Königreich. Nachdem die Deutschen die Niederlande, Belgien, Frankreich besetzt hatten, deportierten sie nach und nach jüdische Menschen, darunter auch ehemalige Passagiere der St. Louis. 

Das Verhalten Kubas, Kanadas und der USA verurteilt sich aus heutiger Sicht leicht. Doch Trudeau und auch der Wissenschaftler Marco Caviglia verweisen auf die aktuelle weltpolitische Lage: Wie gehen wir heute mit Menschen um, die auf der Flucht sind? In der Graphic Novel hat zwar das Böse – in Form eines fanatischen Nazis – das letzte Wort. Doch es bleibt das Beispiel der Zivilcourage von Kapitän Schröder, „der sich weigerte, seine jüdischen Passagiere ihrem Schicksal zu überlassen“.

Sara Dellabella, Alessio Lo Manto: Die Irrfahrt der St. Louis. Die wahre Geschichte eines mutigen Kapitäns und seiner jüdischen Passagiere, Knesebeck 2026, gebunden, 112 Seiten, 24 Euro

Cover: Knesebeck