Wie der Schlern zu Sciliar wurde

Mit dem Auto fahren wir schon gar nicht mehr nach Bozen rein. Der Bus kommt im Verkehr der Landeshauptstadt allerdings auch nur mühsam vorwärts. Immerhin, das Siegesdenkmal vor der Talferbrücke ist in Sicht. Heute signalisiert es Einheimischen und Touristen, dass die historische Altstadt in erreichbarer Nähe ist. Vor 100 Jahren setzte Mussolini mit dem faschistischen Triumphbogen ein Zeichen für seinen territorialen Anspruch auf Südtirol. Mit dem Bau wurde vor 100 Jahren, im Sommer 1926, begonnen. Die Inschrift unter der Siegesgöttin war Programm: „Von hier aus haben wir die Übrigen durch Sprache, Gesetze und Künste kultiviert.“ Vor allem die Sprache wurde zur Waffe der Faschisten, um die Vorherrschaft in Südtirol zu sichern.

Touristen von heute sind sie vertraut: die zweisprachigen Straßen- und Ortsschilder hinter der österreichisch-italienischen Grenze. Oben stehen die deutschen, darunter die italienischen Namen von Städten, Straßen und Sehenswürdigkeiten. Diese Gleichberechtigung ist jedoch keineswegs selbstverständlich, sondern das Ergebnis jahrzehntelanger Auseinandersetzungen – und bisweilen immer noch ein Zankapfel.

Es begann nach dem Ende des Ersten Weltkriegs mit dem Vertrag von Saint-Germain. In diesem Pariser Vorort regelten die alliierten Siegermächte im Spätsommer 1919 die Auflösung der österreichischen Gebiete der zerschlagenen Doppelmonarchie Österreich-Ungarn. Für den südlichen Teil Tirols bedeutete das einen radikalen Bruch. Die Region zwischen Brenner und Salurner Klause wurde Italien zugeschlagen. Ein Erfolg für italienische Nationalisten.

Blick ins Etschtal von der Hochmuth Alm.

Über Nacht zu Italienern

Ihren noch jungen Nationalstaat hatten die Italiener in verschiedenen Freiheitskämpfen den Habsburgern, dem Kirchenstaat und anderen Machthabern abgerungen. Was noch fehlte, war die italienischsprachige Provinz Trentino, die nach wie vor zu Österreich-Ungarn gehörte. Nördlich von Trient, hinter der Salurner Klause, begann der deutschsprachig Süden Tirols. Auch darauf hatten Italiens Nationalisten ein Auge geworfen. Sie wollten ein geschlossenes Territorium bis zum Brenner als natürlicher Grenze, inklusive der Einzugsgebiete der oberen Etsch bis zum Reschenpass. Dieser immerhin zweitlängste Fluss Italiens mündet südlich von Venedig in die Adria. Daher sollte auch der obere Teil italienisch werden.

Die Neuordnung Europas nach dem Ersten Weltkrieg eröffnete die Chance auf einen Zugriff. Das besiegte Österreich-Ungarn musste Südtirol abtreten – ohne Rücksicht auf historische Zusammenhänge und sprachliche Zugehörigkeiten. Und ohne Rücksicht auf das „Selbstbestimmungsrecht der Völker“, dass der US-amerikanische Präsident Woodrow Wilson als Grundlage für eine Friedensordnung in Europa ausgerufen hatte. Die Südtiroler hatten bei Österreich bleiben wollen – nun wurden sie quasi über Nacht zu Italienern. Die faschistische Regierung, seit 1922 an der Macht, drängte die deutsche Sprache und Kultur systematisch zurück.

Vom braven Neuhauser zum Casanova

Eine zentrale Figur dieser Entwicklung war der Politiker Ettore Tolomei. Zwischen 1923 und 1925 ließ er etwa 8.000 Orts- und Flurnamen ins Italienische „übersetzen“. Es entstanden romanisch klingende Kunstnamen, die eine lateinisch-italienische Historie in Südtirol vortäuschen sollte. Bisweilen genügte das Anhängen eines „o“ wie im Fall von Meran-o. Andere Bezeichnungen wurden verzerrt – etwa „Sciliar“ für den Schlern – oder wörtlich übersetzt. Wer bislang mit Nachnamen „Neuhauser“ hieß, musste sich nun an den zweifelhaften Ruf „Casanova“ gewöhnen. Die deutsche Sprache verschwand aus den Amtsstuben und wurde sogar von Grabsteinen getilgt. Mutige Lehrerinnen und Lehrer gaben weiter Deutschunterricht in verbotenen Katakombenschulen. Auch in Kirchengemeinden, Vereinen und Familien blieb der kulturelle Widerstand lebendig. 

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam Südtirol nicht zurück zu Österreich – wie viele gehofft hatten –, sondern blieb Teil Italiens. Erst internationale Vermittlung, ein gewaltsamer Autonomiekampf und langwierige Verhandlungen führten zu einer Lösung. Heute genießt Südtirol innerhalb Italiens weitreichende Selbstverwaltung, eigene Gesetzgebung und eine weitgehende finanzielle Unabhängigkeit. Dieses „Südtirol-Paket“ gilt inzwischen als Vorbild für vergleichbare Konfliktlösungen. 

Blick auf den Schlern vom Ritten. – Foto: Schwarze

Blick auf das Etschtal von der Hochmuth Alm. – Foto: Schwarze