Ihre Porträts verkauften sich so gut, dass sie sich einen exquisiten Lebensstil leisten konnte: Die Malerin Angelika Kauffmann war im späten 18. Jahrhundert eine Berühmtheit. Sie gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Royal Academy of Arts in London und bewegte sich in gesellschaftlich angesehenen Kreisen. Talent und Geschäftssinn wiesen ihr den Weg aus dem Schatten der männerdominierten Kunstszene.
Sogar die alles andere als feministische Kunstgeschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts kam an der Künstlerin nicht vorbei. Als „Wunderkind“ bezeichnete sie der Kunsthistoriker Richard Muther (1860–1909), konnte sich allerdings Bemerkungen wie „hübsches Malerprinzesschen“ nicht verkneifen. Eine erfolgreiche Frau passte definitiv nicht in sein Konzept der „Geschichte der Malerei“.
Begabte Tochter
Obwohl Frauen zu jener Zeit die klassischen Ausbildungswege verwehrt wurden, gab es Spielräume. Besonders für Handwerkstöchter. Und die Malerei galt weit über das Mittelalter hinaus als Handwerk, auch, als bereits im späten 16. Jahrhundert die ersten Kunstakademien in Europa entstanden. Handwerke wurden als Familienbetrieb geführt. Und in diesen arbeiteten die Töchter mit.
Angelika Kauffmann wurde am 30. Oktober 1741 als Tochter des Malers Joseph Johann Kauffmann im Kanton Graubünden geboren. Seit ihrem elften Lebensjahr wurde Angelika vom Vater im Malen unterwiesen. Mit zwölf Jahren porträtierte sie sich als „Sängerin mit Notenblatt“. Mit 16 Jahren half sie dem Vater bei der Renovierung der Pfarrkirche von Schwarzenberg (Vorarlberg). 1762 reisten Vater und Tochter nach Italien, damit Angelika sich dort weiterbilden konnte. Sie wurde Mitglied der Akademie von Florenz, 1765 durfte sie der Kunstakademie San Luca in Rom beitreten.
Wie der Klassizismus ihren Stil prägte
Die junge Frau traf Italien mitten in einem künstlerischen Umbruch an. 1761 hatte der Maler Anton Raphael Mengs seinen „Parnass“ in der römischen Villa Albani vollendet. Das Deckenfresko wandte sich gegen barocke Ekstase. Statt theatralischen Getümmels ordnen sich die Figuren in einer harmonischen Ellipse, klare Konturen ersetzen die malerische Auflösung der Formen. Es dominiert Ausgewogenheit im Rückgriff auf die Antike.
Mit dem „Parnass“ schuf Mengs das erste bedeutende Werk des deutschen Klassizismus. Den entscheidenden Impuls erhielt er von dem Archäologen und Kunsttheoretiker Johann Winckelmann. Sechs Jahre zuvor hatte dieser sein Buch „Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst“ veröffentlicht. Winckelmann interpretierte die griechische Antike als Ausdruck einer unverdorbenen Natur, von „stiller Einfalt und edler Größe“.
Beherrscht und kultiviert
Angelika Kauffmann lernte den Altertumsforscher in Rom kennen. Sein Porträt gehört zu ihren bedeutendsten Werken. Die Bekanntschaft beeinflusste auch ihren Malstil. 1762 schuf Kauffmann ein Selbstbildnis im Geiste des frühen Klassizismus. Die Malerin präsentiert sich in antiker Kleidung und Frisur. Ihr heller Körper und das weiße Gewand heben ihre Gestalt in einem geschlossenen Umriss vom Hintergrund ab. Blick und Haltung wirken beherrscht, ganz im Sinne Winckelmanns.
Nach Italien wurde England zu einem weiteren Meilenstein für Kauffmanns Entwicklung. Die Malerin freundete sich mit der Frau des englischen Botschafters an und ging mit ihr 1766 nach London. Den gesellschaftlichen Kontakten von Lady Wentworth verdankte Kauffmann die Bekanntschaft mit dem berühmten Maler Joshuah Reynolds. Es entstand eine enge Künstlerfreundschaft, in deren Verlauf sich Kauffmann und Reynolds gegenseitig portraitierten.
Die englischen Maler des 18. Jahrhunderts pflegten einen weniger offiziellen Stil als auf dem Kontinent üblich. Die Persönlichkeit der Dargestellten in ihrer privaten Umgebung rückte stärker in den Vordergrund – zulasten standesgemäßer Repräsentation. Dieser intime Charakter prägt auch die Portraits von Angelika Kauffmann.
Grenzen der Anerkennung
Bezeichnend für ihren Erfolg ist die Tatsache, dass Angelika Kauffmann 1768 vom englischen König Georg III. zu den Gründungsmitgliedern der Royal Academy berufen wurde – als eine von nur zwei Frauen neben 26 Männern. Privat allerdings geriet sie an einen Hochstapler, der Teile ihres Vermögens veruntreute. Die Ehe konnte annulliert werden. 1781 heiratete Kauffmann den Dekorationsmaler Antonio Zucchi und kehrte mit ihm nach Rom zurück.
Das Haus des Ehepaares wurde zu einem Treffpunkt für Künstler und Gelehrte, darunter Johann Wolfgang Goethe. Der Dichterfürst lobte sie als die „kultivierteste“ Frau Europas, hielt Kauffmann aber keineswegs für eine ebenbürtige Künstlerin. Er konnte sich „der Wahrnehmung nicht verschließen, dass ihre Figuren, besonders die der Helden, wie … verkleidete Mädchen aussahen“, schreibt Richard Muther (Geschichte der Malerei, Band III). Echte Männer konnten nur von ihresgleichen gemalt werden: Dieser Gedanke eint Goethe und den 30 Jahre nach seinem Tod geborenen Kunsthistoriker.
Bezeichnend ist auch, was Harald Keller, ebenfalls Kunsthistoriker, Ende des 20. Jahrhunderts über Kauffmann schreibt: Wer „Antonio Zucchi und dessen spätere Gattin Angelika Kauffmann für Innenausmalung heranzog“, habe den damaligen Pariser Geschmack nicht gebilligt (Propyläen-Kunstgeschichte, Die Kunst des 18. Jahrhunderts, 1990). Über Geschmack lässt sich streiten. Aber es hat ein Geschmäckle, dass die erfolgreiche Ehefrau mit einem Mal nur als Anhängsel erscheint. Als Kauffmann am 5. November 1807 starb, hinterließ sie ein Gesamtwerk von etwa 1.000 Gemälden. Gemessen am Stil ihrer Zeit war sie kein Ausnahmetalent. Als erfolgreiche Frau schon.
Angelica Kauffmann, The Sorrow of Telemachus (Der Schmerz des Telemachos). Die übersichtliche Komposition, die Gewänder und der beherrschte Stil sind typisch für den Klassizismus. – 1783, Öl auf Leinwand, The Metropolitan Museum of Art, New York, Accession No. 25.110.187, Public Domain (https://www.metmuseum.org/art/collection/search/436809?utm_source=chatgpt.com )