Kürzlich sah ich auf dem Weg durch ein münsterländisches Dorf einen bemalten Stromkasten. Darauf prangte ein schwarzer Adler inmitten der Farben Grün, Weiß und Schwarz. Zugegeben, ich bin kein Fußballfan. Daher dauerte es etwas, bis ich die Bemalung mit dem Fußballverein Preußen Münster in Verbindung brachte. Viele westfälische Fußballvereine tragen den Namen „Preußen“ vorweg. Etwas getarnt tut das einer der erfolgreichsten: Borussia Dortmund verwendet die lateinische Form für Preußen. (Anmerkung in eigener Sache: Wie gesagt bin ich kein Fußballfan, meine Einschätzung des Erfolgs von Borussia Dortmund ist daher rein subjektiv ;))
Warum eigentlich steht ein nicht mehr existierendes Königreich für Vereine in einer Region, die mehr als 500 Kilometer von den preußischen Kernlanden entfernt liegt?
Die Antwort liegt in einer historischen Gemengelage, in der sperrige Worte wie „Koalitionskriege“ „Säkularisation“ und „Reichsdeputationshauptschluss“ herumwabern. Das lässt sich allerdings einfacher erzählen. Wie alle guten Geschichten braucht es dafür zuerst einen Bösewicht: Napoleon Bonaparte. Zu ihm gibt es unterschiedliche Meinungen. Für unsere Zwecke taugt jene, die in Napoleon einen aggressiven Feldherren sieht, der für ein Weltreich über Leichen ging.
Keine Ausgleichsflächen vorhanden
Karriere machte der aus verarmtem Landadel stammende Korse unter den Regierungen der Französischen Revolution. Den Revolutionsführern schwebte der Rhein als natürliche Grenze zwischen Frankreich und dem Heiligen Römischen Reich vor. Ein pompöser Name für ein handlungsunfähiges Gebilde. Denn dieses Reich bestand zu jener Zeit aus unzähligen großen und kleinen Staaten. Zwar gab es einen Kaiser, aber die Macht lag bei einzelnen Fürsten. Als Gegenspieler Frankreichs kamen allerdings nur zwei große Machtblöcke im Reich infrage, Österreich und Preußen.
Napoleons Talent als Feldherr verdankte Frankreich mehrere Siege und zwang Österreich, Preußen und andere Fürsten, ihren Besitz links des Rheins abzutreten. Österreich und Preußen lagen vom Rhein zwar Hunderte von Kilometern entfernt, hatten sich dort jedoch Gebiete erheiratet und ererbt. Immerhin wurde im Frieden von Lunéville (1801) geregelt, die Verlierer zu entschädigen. Der Haken: Zu jener Zeit gab es keine frei verfügbaren Gebiete mehr, die als Ausgleichsflächen hergenommen werden konnten. Also musste anderen weggenommen werden, was Österreich, Preußen und weitere Fürsten erhalten sollten. Die traurigen Dritten waren die Kirche und fast alle Reichsstädte, die bis dahin direkt dem Kaiser unterstellt gewesen waren.
Länderverschieben
Welche Fürstbistümer, Abteien und Reichsstädte aufgelöst und aufgeteilt werden sollten, legten Vertreter von Kurfürsten und Reichsfürsten 1803 in Regensburg fest. Dieser Beschluss ging mit dem Wortungetüm „Reichsdeputationshauptschluss“ in die Geschichte ein. Gemeint ist schlicht ein abschließender (haupt-) Beschluss (-schluss) einer Abordnung (deputations-) des Reiches (Reichs-). Preußen erhielt im Zuge der „Verweltlichung“ (Säkularisation) folgende Territorien: das Fürstbistum Paderborn, die Abtei Herford und den östlichen Teil des Oberstifts Münster mit der Stadt Münster, dem Stift Cappenberg und den Städten Warendorf, Beckum und Lüdinghausen (Auflistung aus: LWL/Westfälische Geschichte). Das Glück währte nur kurz: Nach dem Sieg Napoleons bei Jena und Auerstedt (1806) verlor Preußen diese Gebiete wieder.
Doch Napoleons Stern begann zu sinken. Die Niederlagen 1813 (Völkerschlacht bei Leipzig) und 1815 (Schlacht bei Waterloo) beendeten seine Herrschaft. Preußen erhielt seine westfälischen Gebiete zurück und noch einige weitere dazu. 1815 gründete es die Provinz Westfalen. Diese gehörte bis 1918 zum Königreich und bis 1946 zum Freistaat Preußen. Namen mit preußischem Bezug waren also im Westfalen jener Zeit allgegenwärtig. So soll sich der Dortmunder Verein 1909 nach der benachbarten Borussia-Brauerei benannt haben (siehe BVB-Historie). Der Sportclub Preußen Münster entstand 1906 aus einer Schülermannschaft, die auf einem vom preußischen Militär bereitgestellten Übungsplatz spielen durfte (siehe SCP-Historie). Und was hat es jetzt mit dem Adler auf sich? Er zierte einst das Wappen des Königreich Preußens.
Ein Stromkasten mit Emblem von Preußen Münster am Bahnhof Mersch in Westfalen: Die Bemalung ist umstritten. Hier interessieren aber keine juristischen Debatten, sondern die historischen Hintergründe.