In wenigen Tagen endet die Fußball-WM. Trotz Skandalen und Vorbehalten gegenüber dem Gastland USA verfolgen weltweit etwa fünf Milliarden Menschen die Spiele im Fernsehen. Für die einen ist es ein Beruf, für sehr viele eine Leidenschaft und für einige ein Hobby. Früher auch Steckenpferd genannt. Warum eigentlich?
Echt antik und echt englisch
Zunächst mal ist ein Stecken- oder Stockpferd ein Kinderspielzeug: Man nehme einen Pferdekopf aus Holz oder Stoff und stecke einen Stock, auch Stecken genannt, in den Halsansatz. Der Kopf lässt sich übrigens wunderbar aus alten Herrensocken basteln. Das Prinzip ist simpel und wahrhaft antik. Der Wikipedia-Eintrag zum Steckenpferd verweist auf Edward Marwick Plummer und sein Buch „Athletics and games of the ancient Greeks“. Darin heißt es: „Feldherr Agesilaos wird dargestellt, wie er mit seinen kleinen Söhnen auf einem Steckenpferd reitet. Alkibiades war überrascht, als er sah, wie Sokrates beim Spiel mit dem jungen Lamprokles dasselbe tat“. (S. 52). Auch auf mittelalterlichen Darstellungen finden sich Steckenpferde.
Irgendwann übertrug sich die Spielerei auf andere Liebhabereien. Als ausschlaggebend gilt der Roman „Leben und Ansichten von Tristram Shandy“ von Laurence Sterne, erschienen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Darin schildert der Erzähler die Besessenheit seines Onkels für Festungsbauten und gebraucht für diese Beschäftigung das Bild des Steckenpferdreitens. Der Roman wurde auch in Deutschland extrem populär und mit ihm das Sinnbild des Steckenpferds für eine Liebhaberei. Vom englischen Wort „hobby-horse“ für Steckenpferd leitet sich unser Hobby ab.

Wer hat Zeit?
Hobbys gelten gemeinhin als Freizeitbeschäftigung. Dafür braucht es eine wesentliche Voraussetzung: freie Zeit. Doch wann hat man Zeit? Im Mittelalter gab es darauf eine klare Antwort: Kein Mensch hat Zeit, denn diese gehört Gott. Zeit hing von äußeren Umständen ab und ließ sich nicht beeinflussen. Und wenn nicht Sonne, Regen, Schlaf und Ernte über die Zeit bestimmten, dann diktierten Könige, Adelige und Kirchenherren, wann gekämpft, gefastet und gebetet werden sollte. Trotzdem fanden die Menschen Zeit zum Spielen. Wie eine Liste mittelalterlicher Kinderspielzeuge liest sich ein Gemälde der Heiligen Sippe (um 1510) im Wallraff-Richartz-Museum in Köln (Raum 2). Auch dort ist ein Steckenpferdchen zu erkennen. Berühmt sind die „Kinderspiele“ des flämischen Malers Pieter Bruegel d. Ä. im Kunsthistorischen Museum Wien.
Hobbys waren diese Vergnügungen allerdings noch nicht. Um zum Hobby zu werden, braucht eine Beschäftigung eine gewisse Regelmäßigkeit, mit der sie für einen bestimmten Zeitraum ausgeübt wird. Etwa das Chorsingen jeden Dienstag von 20 bis 22 Uhr. Damit man sich seine Zeit entsprechend einteilen kann, braucht es wiederum durchgetaktete Arbeitszeiten oder das Privileg, nicht arbeiten zu müssen. Daher waren Steckenpferde zunächst eine Angelegenheit der Reicheren. Zum verbreiteten Phänomen wurde das Hobby im Gefolge der Industrialisierung. In dem Maße, in dem der Acht-Stunden-Tag erstritten wurde, wandelte sich freie Zeit zur Freizeit. Nach Feierabend traf man sich zum Musizieren, zur Kaninchenzucht oder zum Fußballspielen. Aus gelegentlichem Zeitvertreib wurde ein regelmäßiges Hobby.
Intensiv betrieben, können Hobbys Experten hervorbringen. Kinder können in Sportvereinen zu Profis heranwachsen. Zum Beispiel zu Profifußballern, die um den WM-Titel kämpfen. Das Hobby ist zur Arbeit geworden.