Wenn es darum geht, einen Vortrag über Geschlechterrollen und Rollenklischees zu halten, sind alte Mädchenbücher ein gefundenes Fressen. Es wimmelt darin von Zitaten, mit denen sich stereotype Denkmuster über Mädchen und Jungen, über Frauen und Männer illustrieren lassen. „War es nicht gewagt für ein Weib, von Natur schwächer, wenn sie glaubte, sich an Seite ernster Männer stellen, wie sie ringen und kämpfen zu können?“ So sinniert eine junge Medizinstudentin im zweiten Band der Trotzkopfreihe.
Als ich vor einiger Zeit wieder durch Trotzkopfs, Nesthäkchens und Puckis Lebenswege stöberte, fiel mir eine Gemeinsamkeit auf, die ich bislang übersehen hatte. Alle drei Titelheldinnen passen anfangs keineswegs in das Schema des artigen, ordentlichen und ruhigen Mädchens. Im Gegenteil. Alle drei sind mehr oder weniger wilde Hummeln. Und ihre literarischen Mütter müssen zu drastischen Erziehungsmaßnahmen greifen, um ihre „Töchter“ auf Linie zu bringen.
Vom Ungestüm zum Liebreiz
Zur radikalsten Methode greift Emmy von Rhoden (1829–1885), Autorin des ersten Bands der vierbändigen Reihe „Trotzkopf“. Dahinter verbirgt sich die 16-jährige Ilse Macket. Schon im zweiten Satz des Buches wird sie mit dem Beiwort „ungestüm“ belegt. Die Mutter ist früh gestorben und der überbehütende Papa lässt seine Tochter frei schalten und walten. Ilse reitet gern, rennt mit ihrem Hund um die Wette und treibt sich so lange draußen herum, bis der Hunger sie wieder nach Hause lockt. „Unweiblich“ befindet die neue Stiefmutter und überredet den Gatten, Ilse in ein Mädchenpensionat weit weg zu verschicken.
Dort soll Ilse auf jene Spur gebracht werden, in der sich eine junge Frau aus niederem Adel oder dem Bürgertum im 19. Jahrhundert zu bewegen hatte. Doch Ilses Widerspenstigkeit macht sogar ihrer geistigen Mutter zu schaffen. Schließlich lässt Emmy von Rhoden ein kleines Mädchen am Fieber sterben, um Ilse zu der Einsicht zu bringen, wie gut ihre Stiefmutter es doch mit ihr meint. Kuss, große Versöhnung und sogar eine Verlobung am Schluss. Die neue liebreizende Ilse gewinnt das Herz eines jungen Juristen.
Liederliche (Puppen-)Mutter
Auch Else Ury (1877–1943) scheut nicht davor zurück, eine Buchfigur zu töten, um ihr Erziehungsideal durchzusetzen. Aus Urys Feder stammt das Nesthäkchen, sprich: Annemarie Braun, die jüngste Tochter eines gut situierten Berliner Arztes. Annemarie ist lebhaft, abenteuerlustig und – unordentlich. Es gibt durchaus schlimmere Fehler. Aber weiblicher Ordnungssinn wurde in gutbürgerlichen preußischen Haushalten großgeschrieben. Warum, das führt Ury am Beispiel von Annemaries Puppen vor: „Geradezu verwahrlost mußten die armen Kinder oft einhergehen. Sie wurden nicht mehr gewaschen, nicht gekämmt, und ihre Sachen lagen in der Puppenkommode wie Kraut und Rüben durcheinander. Baby behielt wochenlang seine zerlöcherten Strümpfchen an, und Irenchen mußte sogar mit dem Hut schlafengehen.“
Mutter, Kinderfräulein und Hausmädchen versuchen vergeblich, Nesthäkchen zu bessern. Doch Else Ury lässt sie ihre Lektion lernen. Dieses Mal muss der geliebte Wellensittich dran glauben. Er stirbt, weil Annemarie „in ihrer Liederlichkeit“ vergessen hatte, den Trinknapf aufzufüllen. Die „bittere Medizin“ der Autorin wirkt. Annemarie „verwandelt“ sich in „ein gewissenhaftes kleines Mädchen“.
Nicht von Natur aus artig
Bleibt die dritte im Bunde der beliebten Backfische: Pucki. Das Försterkind wächst im Wald auf, in dem ihr Vater arbeitet. Sie kennt praktisch jeden Baum mit Vornamen und streift nur zu gern allein durch den Wald. Tiere gehören zu ihren besten Freunden. Außerdem ist Pucki stets zu Streichen aufgelegt. Fallen ihr selbst keine ein, lässt sie sich bereitwillig von den Nachbarjungs zum Schabernack verleiten. Als Backfisch übertreibt Pucki es jedoch, gerät zu „wild und laut“, wie die jüngere Schwester moniert. Da die elterliche Erziehung versagt, verpasst ihre literarische Mutter Magda Trott (1880–1945) dem „wilden Puck“ einen schmerzhaften „Denkzettel“. Pucki wird bei einem Skiunfall schwer verletzt, weil sie zuvor alle Warnungen vor der rasanten Abfahrt in den Wind geschlagen hat. Auf dem Krankenlager kommt Pucki endlich zur Einsicht.
Was auffällt: Keines der drei Mädchen ist von Natur aus sittsam, ruhig und brav. Im Gegenteil. In ihrem Bewegungsdrang und ihrem Hang zum Unfug unterscheiden sie sich nicht von ihren männlichen Spielgefährten. Nur, dass dieses Verhalten bei Frauen nicht erwünscht war (und teilweise nach wie vor nicht erwünscht ist). Gerade deshalb drohen härtere Erziehungsmaßnahmen, die den Leserinnen deutlich machen: Mädels, so geht es nicht!