Affen, Papageientaucher, Nilpferd und Zebra: Im Habitat des dänischen Designs haben diese Tiere eine Gemeinsamkeit. Nämlich ihren Schöpfer Kay Bojesen. Vor 140 Jahren wurde der dänische Designer am 15. August 1886 geboren. Wer seinen Namen googelt, findet in der Bildersuche zunächst jede Menge der genannten Tiere, vor allem den ikonischen Affen. Dazu kommen Bär, Elefant, Dackel und der rot-weiß uniformierte Wachsoldat. Nach anderen Objekten wie Besteck oder Tafelgeschirr muss man schon gezielt suchen.
Stationen der europäischen Moderne
Stationen der europäischen ModerneDabei begann Bojesen seine Karriere nicht in Holz, sondern in Silber. Auf dem Weg seines künstlerischen Schaffens kam er an wichtigen Stationen der europäischen Moderne vorbei. Von 1907 bis 1910 lernte Bojesen das Silberschmieden in der Werkstatt von Georg Jensen in Kopenhagen. Seine frühen Werke leben von den organischen Ornamenten und dem dekorativen Schwung des Jugendstils. Jensen war nicht nur ein wichtiger Vertreter dieses Stils, sondern trat auch für eine handwerkliche Qualität ein, ganz im Sinne des Briten William Morris, dem Begründer des Arts-and-Crafts-Movements.
Auf weiteren Stationen in Deutschland und Frankreich entdeckte Bojesen allerdings ein funktionales Design mit schlichter Linienführung und glatten Flächen für sich. In Schwäbisch Gmünd, einem Zentrum der industriellen Produktion von Silberwaren, besuchte er die Königliche Fachschule für Edelmetallindustrie. Ihr Direktor Walter Klein stand den Grundsätzen des Deutschen Werkbunds nahe. Diesem Verband gehörten Künstler, Architekten und Unternehmer an, darunter der spätere Bauhausgründer Walter Gropius. Anders als Morris lehnte der Werkbund industrielle Fertigung nicht ab, solange ein hoher Qualitätsstandard gewahrt blieb. Danach lebte und arbeitete Bojesen für einige Zeit in Paris. Zu jener Zeit experimentierten dort Künstler wie Pablo Picasso, Georges Braque und Henri Matisse mit neuen Ausdrucksformen, vom geometrisch aufgelösten Kubismus bis zum farb- und formwilden Fauvismus.
Handschmeichelndes Design
1913 kehrte Bojesen nach Kopenhagen zurück und gründete seine eigene Silberwerkstatt. 1919 heiratete er Erna Drøge-Møller. Im gleichen Jahr wurde der gemeinsame Sohn Otto geboren. Egal ob Kurz- oder Langbiografie des Künstlers, alle bezeichnen dieses Ereignis als Wendepunkt in Bojesens Schaffen. Denn Klein-Otto sollte „zur Muse für … Kays Spielzeugdesign“ werden (About Kay Bojesen, kaybojesen.com). Ab den 1920er-Jahren entwickelte sich Bojesen zu einem wichtigen Vertreter eines funktionalen dänischen Kunsthandwerks. Glatte, schnörkellose Flächen und schlichte Konturen prägen seine Entwürfe von Besteck und Geschirr. Symptomatisch dafür ist sein Grand-Prix-Besteck von 1938. Ihre Bezeichnung verdankt die Besteckserie dem ersten Preis, den sie 1951 auf einer internationalen Ausstellung für dekorative Kunst in Mailand erhielt.

In den 1920er-Jahren entdeckte Bojesen seine Vorliebe für das Material Holz, nachdem er begonnen hatte, Spielzeuge zu entwerfen. Dabei ging es dem Dänen nicht um knuddeligen Naturalismus. Auch auf Spielzeug wendete er die Grundsätze moderner Gebrauchskunst an, indem er vereinfachte Tierformen, handschmeichelnde Oberflächen und bewegliche Elemente kombinierte. Für den kindlichen Gebrauch übersetzt bedeutet das: Das Kind erkennt Dackel, Affe oder Nilpferd in den rudimentären Grundformen und kann sie mit Patschehändchen gut greifen. „Rund und geschmeidig und gut in der Hand“ sollten sich seine Holztiere anfühlen (zitiert aus: Kay Bojesen. Denmark, Katalog von kaybojesen-design, o.J.).
Zwanglose Geborgenheit
Der Dackel stammt aus dem Jahr 1934, samt kugeligem Rumpf und den leicht dreieckigen Ohren. Auch Pferd (1930) und Zebra (1935) reduzierte Bojesen auf markante Mähnen und formschön gerundete Köpfe und Körper. Sein Affe entstand 1951. Anstelle von Farben verleihen ihm zwei unterschiedliche Hölzer ein kontrastreiches Gesicht und Bäuchlein. Der Witz sind die drehbaren Arme und Beine mit ihren gekrümmten Händen und Füßen. Damit hängt sich das Äffchen frei schwingend an alle möglichen Gegenstände wie Regalen oder Lampen. Hervorragend nahmen und nehmen sich die Tiere an einem anderen skandinavischen Designklassiker aus, dem String-Regal. So wurden die Affen bereits in den 1950er-Jahren nicht nur als Spielzeug wahrgenommen.
Sein Entwurf passt perfekt zum dänischen Mid-Century-Stil, wie die britischen Designhistoriker Charlotte und Peter Fiell ausführen (Skandinavisches Design, S. 30). Die Dänen „präsentierten eine weniger doktrinäre Moderne des Möbeldesigns. Ihre Erzeugnisse mit abgerundeten Kanten vermittelten ruhige Zwanglosigkeit und häusliche Geborgenheit“.
Quellen
- Kay Bojesen: „About Kay Bojesen (1886–1958)“, https://kaybojesen.com/about-kay-bojesen/ (abgerufen am 19. August 2026).
- Rosendahl: „Über Kay Bojesen“, https://www.rosendahl.com/de/de/kay-bojesen/stories/uber-kay-bojesen (abgerufen am 19. August 2026).
- Wikipedia: „Hochschule für Gestaltung Schwäbisch Gmünd“, https://de.wikipedia.org/wiki/Hochschule_für_Gestaltung_Schwäbisch_Gmünd (abgerufen am 19. August 2026).
- Wikipedia: „Walter Klein (Heimatforscher)“, https://de.wikipedia.org/wiki/Walter_Klein_(Heimatforscher) (abgerufen am 19. August 2026).
- Kay Bojesen. Denmark. Katalog von Kay Bojesen Design, o. O., o. J.
- Charlotte Fiell / Peter Fiell: Skandinavisches Design, Köln: TASCHEN, 2013.