… tickt die Zeit? Wie das Mittelalter die Kirchturmuhr erfand.

In einem anderen Leben, saß ich in einem Seminar für Neuzeitler. An sich nichts Besonderes, nur dass ich mich auf den Schwerpunkt Mittelalter verlegt hatte. Beides Geschichte, möchte man denken. Doch dazwischen liegen Welten. Das wurde mir bewusst, als es um die Frage „Menschen und Zeit“ ging. Dieser Satz eines Kommilitonen der Neuzeitfraktion klingt mir bis heute in den Ohren: „Im Mittelalter konnte sich ja niemand verabreden. Es gab ja keine Uhren, die einem sagten, wie spät es ist.“ Klar, Mittelalter ist ja finster, kein Licht, keine Zeitmessung. Oder?

Im Takt der Klöster

Zunächst einmal schien sogar in dieser angeblich finsteren Epoche die Sonne. Der Zeitmesser schlechthin, vor allem in der Landwirtschaft. Dann gab es eine Gruppe von Personen, die auf eine exaktere Stundentaktung angewiesen waren: Mönche und Nonnen, Schwestern und Brüder mussten ihre Gebetszeiten berechnen, die genau über den Tag verteilt waren. Dieses Stundengebet strukturierte ihren Tag. Kanonische Sonnenuhren teilten den Tag in Abschnitte für Prim (gegen 6 Uhr), Terz (gegen 9 Uhr), Sext (gegen 12 Uhr), Non (gegen 15 Uhr) und Vesper (zwischen 17 und 19 Uhr). Im einstigen Kloster St. Quirin in Neuss fanden Archäologen die Bruchstücke eines frühen Beispiels einer klösterlichen Sonnenuhr. Es stammt aus dem 9. oder 10. Jahrhundert. 

Seit dem Mittelalter ein bewährtes mechanisches Prinzip: Gewichte treiben die Kirchturmuhr an. – Foto: Schwarze

Um 1200 wurde dann „eine neue Zeit eingeläutet“, wie Gisela Graichen und Matthias Wemhoff in ihrem jüngst erschienenen Buch „Gründerzeit 1200“ schreiben. Im 12. und erst recht im 13. Jahrhundert blühen in Europa neue Städte auf, und das nicht mehr nur auf den Fundamenten römischer Stadtkultur. Die Epoche ist geprägt von einer klimatischen Warmzeit und von Wachstum. Letzteres gilt für Feldfrüchte, Menschen und eben Städte. Ausreichende Nahrung mildert den Daseinskamp. Und das setzt geistige Kapazitäten für Innovationen frei.

Glockenschlag statt Zifferblatt

Exakt lässt sich diese Erfindung nicht einem Ort oder einer Person zuschreiben. Die englische Stadt Dunstable rühmt sich der ältesten belegbaren mechanischen Uhr. Sie soll sich über dem Lettner der Abteikirche des ehemaligen Augustinerklosters befunden haben. Das geht aus den Annalen des Klosters für das Jahr 1283 hervor. Es wird vermutet, dass diese Uhr wie die ersten mechanischen Uhren überhaupt durch Gewichte angetrieben wurde und noch kein Zifferblatt besaß. Ihr Zweck bestand darin, die Glocke zu den Zeiten des Stundengebets zu schlagen. Städte griffen das praktische neue Instrument auf. In Mailand schlug beispielsweise die Uhr am Turm der Hofkirche St. Gotthard den Bewohnern der Stadt ab der Mitte des 14. Jahrhunderts die Stunde. Ohne Zifferblatt, nur mit Stundenschlag funktionierte einst auch die Uhr an der Kathedrale von Salisbury in England. Sie soll die älteste noch funktionierende mechanische Uhr sein. 

Das Herz einer Kirchturmuhr: das mechanische Uhrwerk in St. Christophorus, Werne, aus dem Jahr 1934. – Foto: Schwarze

Wem die Rathausuhr schlägt

Der neue Zeitmesser wurde zum beliebten Attribut der Temperantia, einer Frauengestalt, die die christliche Kardinaltugend des rechten Maßes symbolisiert. „Erste Bildnisse finden sich auf Illustrationen zu Christine de Pisans Epître d’Othéa, 1406–08, und zu Heinrich Seuses Horologium, um 1406“ (Dieter Lohr, Sand- und Räderuhren in der Malerei). Auf einer detailverliebten Buchmalerei im Stundenbuch des Herzogs Jean von Berry (1411–1416) ist der Tour de l’Horloge zu erkennen, als Teil der Stadtsilhouette von Paris auf dem Kalenderblatt für Juni. Den Uhrturm ließ der französische König Karl V., der Bruder des Herzogs, um 1370 errichten. 

Die Beispiele von Mailand und Paris zeigen, dass sich weltliche Würdenträger schnell von der kirchlichen Autorität in Sachen Zeitmessung emanzipierten. Das machten die Städte genauso. Eines der bedeutendsten Beispiele ist die astronomische Uhr am Altstädter Rathaus in Prag. Dieses Meisterwerk gotischer Technik wurde 1410 eingebaut und Jahrzehnte später perfektioniert. „Die öffentlichen Turmuhren in den Städten vereitelten die Entschuldigung fürs Zuspätkommen“, meinen Graichen und Wemhoff. Zumindest, wenn sich der oder die Unpünktliche in einer Stadt befand. Denn tatsächlich gingen die Uhren in jeder Stadt ein wenig anders. 

Bild oben: Wenn die Kirchturmuhr nicht mehr schlägt, fehlt vielen das Zeitgefühl (Turmuhr von St. Christophorus in Werne). – Foto: Schwarze

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