… ist das Dirndl keine Tracht?

Das Münchner Oktoberfest steht vorm Anstich und prompt lässt sich kaum noch ein Schaufenster ohne sie blicken: Dirndlkleider in allen Farben und Stoffen, von Polyester bis zu hochwertiger Seide. Das Kleid gilt als perfekte Gewandung zum Oktoberfest, haftet ihm doch der Ruf einer bayerischen Tracht an. Ein Irrglaube. Streng genommen ist das Dirndlkleid keine Tracht, geschweige denn eine bayerische.

Eine historische Tracht, so definiert es Wikipedia, „weist im Schnitt, der Farbkombination und der Ausstattung ganz bestimmte Merkmale auf, anhand derer man die Trägerin einer Region und einer sozialen Schicht zuordnen kann.“ Dieser eindeutig regionale Bezug fehlt dem Dirndl. Es entstand während des 19. Jahrhunderts als praktisches Kleidungsstück für Dienstmägde. Stoffe wie Baumwolle oder Leinen waren pflegeleicht, eine die Wechselschürze schützte vor Schmutz, ein weiter Rock bot den Mägden bei der Arbeit in Haus und Hof ausreichend Bewegungsfreiheit.

Die weiblichen Dienstboten gaben dem Dirndl seinen Namen: Eine „Dirn“ (norddeutsch: Deern) bezeichnet mundartlich ein junges Mädchen. Der Begriff verengte sich schon im Mittelalter mancherorts auf eine Dienerin und damit auf eine Frau niederen Standes. Im 19. Jahrhundert wurde die Dienstbotentracht als „Dirndlgewand“ bezeichnet.

Mit dem Oktoberfest hatte das zunächst nichts zu tun.

Das erste Fest fand 1810 statt: Die Hochzeit des Kronprinzen Ludwig von Bayern mit Therese von Sachsen-Hildburghausen wurde am Stadtrand von München mit einem Pferderennen gefeiert. Zu diesem Anlass präsentierte sich die gehobene Gesellschaft elegant – und das hieß in jenen Jahren nach dem Vorbild der Damen am Pariser Hof Napoleons. 1811 übernahm der „Landwirtschaftliche Verein in Bayern“ die Ausrichtung des Festes. Nun kamen auch Gäste vom Lande auf die Wiesn – allerdings nicht in ihrer Alltagskleidung. Dem Anlass zollten sie in ihren aufwändigen Trachten den gebührenden Respekt.

Erst Ende des 19. Jahrhunderts entdeckten elegante Städterinnen das Dirndl für sich – parallel zum Aufblühen der Sommerfrische. Mit der Industrialisierung hatten Eisenbahnen und ein gut ausgebautes Verkehrsnetz das Land erschlossen. Wer es sich leisten konnte, fuhr im Sommer an die See oder in die Berge. Beim Wandern erwies sich die steife Damenmode jener Zeit als hoffnungslos unpraktisch. Im Dirndl konnten sich die feinen Damen viel freier bewegen. Mit teuren Stoffen ließ sich das Kleidungsstück zudem ihrem Stand entsprechend aufbretzeln. 

Zum Oktoberfest kam das Dirndl Anfang der 1970er-Jahre.

München bewarb sich für die Olympischen Spiele 1972. Und das – gerade auch in den USA beliebte – Dirndl schien den Marketing-Experten ein geeignetes Aushängeschild zu sein, so typisch bayerisch wie auch das Oktoberfest. Die schöne Olympia-Hostess Silvia Sommerlath etwa machte erst im Dirndl von sich reden und ein paar Jahre später als Königin von Schweden. Aus dem praktischen Kleid wurde ein bayerisches Symbol.