„Zustände wie im Mittelalter!“ – „Folter wie im Mittelalter!“ – „Licht in mittelalterliche Finsternis bringen!“ Diese Schlagzeilen sprechen Klartext. Das Mittelalter gilt als Gegenteil von dem, was wir für Fortschritt halten. Wie anders klingt in unseren Ohren dagegen das Wort „antik“ – wie eine Biedermeierkommode: kostbar und zeitlos schön. Wer zwischen diesen Denkmustern laviert, sitzt allerdings einer mehr als 500 Jahre alten Kampagne auf. Es waren Humanisten und Künstler der Frührenaissance, die dem Mittelalter – jener Epoche zwischen 500 und 1500 nach Christus – ihren „finsteren“ Beigeschmack verpassten.
Für Brombeeren auf den Gipfel
Im 14. Jahrhundert begannen die Menschen, ihre Umwelt anders wahrzunehmen. Bezeichnend dafür sind jene Erfahrungen, die der Dichter Francesco Petrarca bei der Besteigung des Mont Ventoux macht. Den 1.900 Meter hohen Berg in der Provence zu erklimmen, nur um oben gewesen zu sein, stieß im 14. Jahrhundert auf Unverständnis. Ein Bauer, so schrieb Petrarca in seinen Erinnerungen, riet der Wandergruppe ab: Auf dem Gipfel gebe es nichts als Steine und Brombeeren. Doch der reiselustige Italiener ließ sich nicht beirren. Endlich oben empfand Petrarca ein eindringliches Erlebnis der Landschaft, der Natur und seiner selbst.
Seine Schilderung feierten spätere Gelehrte als Beginn einer neuen Zeit und als Entdeckung des Individuums. Allen voran der Kulturhistoriker Jacob Burckhardt (1818–1897). In der italienischen Renaissance fand er, was er im Früh- und Hochmittelalter vermisste: namhafte, selbstbewusste Künstlerpersönlichkeiten. Burckhardt und viele seiner Zeitgenossen legten als Maßstab allerdings den Geniekult der frühen Goethezeit an. Künstlerische Schaffenskraft sollte sich gegen Autoritäten auflehnen und allein dem eigenen Willen folgen – wie der antike Feuergott in Goethes Gedicht „Prometheus“. Die mittelalterliche Kunst widersprach diesem Ideal. Sie wurde für Kirchen und Klöster geschaffen – im Namen Gottes. Hinter diesem mussten unzählige kreative Buchmaler, Baumeister und Bildhauer ihre Urheberschaft zurückstecken.

Individueller als gedacht
Andererseits beziehen sich Juden- und Christentum als Religionen gezielt auf den einzelnen Menschen. „Siehe, in die Hände habe ich dich gezeichnet“ heißt es bei Jesaja (49,16); seine Worte „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein“ (Jes 43,1) wer- den oft bei Taufen zitiert – als Zeichen für Gottes persönliche Ansprache. Der Theologe und Philosoph Thomas von Aquin (1225– 1274) befasste sich in einer Abhandlung ausführlich mit der Frage, wie das Individuum die Dinge und letztlich Gott erkennt. In der Kunst und Literatur des frühen und hohen Mittelalters spielten eigenständige Persönlichkeiten zunächst kaum eine Rolle. Gefragt waren Typen: die demütige Heilige, der strenge Asket, der edle Held.
Doch abm dem 13. Jahrhundert tauchten mehr und mehr Charakterköpfe auf. In der Literatur beginnt Walther von der Vogelweide die Grenzen der Konventionen zu sprengen. Das „Ich“ in seinen Dichtungen schildert persönliche Erlebnisse und Empfindungen, die von einer bewussteren Wahrnehmung von Individualität zeugen. Der 1304 in Arezzo geborene Petrarca wird die mittelhochdeutsche Lyrik aus dem 13. Jahrhundert kaum gekannt haben. Thomas von Aquin und seine Kollegen wiederum verfassten ihre akademischen Werke auf Mittellatein, das sich mit volkssprachlichen und kirchenrechtlichen Ausdrücken vermischt hatte.
Humanisten wie Petrarca rümpften die Nase über den holprigen Textfluss, der mit klassischem Latein wirklich nicht mehr viel zu tun hatte. Zu diesem Ursprung zurückzukehren, wurde das erklärte Ziel einer neuen Generation von Gelehrten. So bejubelte Petrarca die anbrechende Renaissance als neues, helles Zeitalter – gegenüber der vorangegangenen Periode undurchdringlicher Dunkelheit.

Wie geht es weiter?
Mittelalter ist schnell erzählt: Die Menschen hielten die Erde für eine Scheibe, verbrannten Hexen und trotteten ansonsten tumb über die von der Kirche vorgebeteten Pfade. Oder? Wie entstanden dann auf der anderen Seite riesige Kathedralen mit leuchtenden Glasfenstern? Woher kam das Wissen, das sich in mittelalterlichen Handschriften wiederfindet? Warum befindet sich in Corvey eine antike Szene in einer Kirche? Und warum halten Jesuskinder Weltkugeln in Händen?
In meinem Vortrag „Das finstere Mittelalter? Das bunte Mittelalter!“ unterziehe ich sechs Mythen einem Faktencheck: am 5. November 2026 ab 18.30 Uhr im Stadtmuseum Werne in der Reihe „Geschichte erzählen“.