Bewegung im Bauhaus

Mit sattem „Klöng“ rastet die Tür ein. Allerdings fällt sie, das ist der Witz an der Angelegenheit, nicht ins Schloss. Der typische „Bauhaus-Sound“, wie ihn unsere Guide nennt, entsteht beim Öffnen der Flügel zur Aula. Für die kugeligen Türknaufe wurden am Rahmen links und rechts passgenaue Einsparungen geschaffen. So können die schweren Portale so weit wie möglich geöffnet werden, ohne an den Seiten abzustehen. Praktische Kniffe wie dieser sind typisch für die Designer des Bauhauses. Daher sollte man das Bauhaus in Dessau am besten im Rahmen einer Führung erkunden. Die Guides kennen alle Feinheiten.

Vor 101 Jahren wurde das Projekt Bauhaus genehmigt, im Lauf des Jahres 1926 wurde es fertiggestellt. Die Stadt Dessau feiert „100 Jahre Bauhaus in Dessau“ mit Ausstellungen und einem umfangreichen Programm. Das Bauhaus-Archiv in Berlin kenne ich längst, das Bauhaus-Museum in Weimar ebenso. Nur nach Dessau habe ich es bislang nie geschafft. Darum war das Jubiläum ein Anlass, jetzt endlich einmal hinzufahren. Und es hat sich mehr als gelohnt. 

Fakten und Tipps in 5 Bildern (ausdrücklich ohne Anspruch auf Vollkommenheit ;))

1. Die Anfänge

Das Bauhaus als Schule für bildende Künste wurzelt in Weimar. Dort gründet der Architekt und Designer Henry van der Velde 1908 eine Kunstgewerbeschule. Im Ersten Weltkrieg muss der Belgier Deutschland verlassen. Er schlägt den Architekten Walter Gropius als Nachfolger vor. Der begründet 1919 die Kunstgewerbeschule als „Staatliches Bauhaus“ neu. Im selben Jahr erscheint das Bauhaus-Manifest. Das Titelblatt ziert einen Holzschnitt von Lyonel Feininger: die „Kathedrale“. Die Idee dahinter: Mittelalterliche Bauhütten umfassten ein ausgeklügeltes System von Handwerken zur Errichtung und Ausschmückung einer Kathedrale. 

Diesem ganzheitlichen Konzept verschiedener Kunstgattungen und Gewerke verschrieben sich auch die Meister, die wenigen Meisterinnen und die Studierenden des Bauhauses. „Das Endziel aller bildnerischen Tätigkeit ist der Bau! Ihn zu schmücken war einst die vornehmste Aufgabe der bildenden Künste“, schrieb Gropius ins Manifest. Das Bauhaus entstand zeitgleich mit der Weimarer Republik. Der neuen Regierungsform sollte ein neuer Stil entsprechen: gradlinig, schnörkellos, transparent. Der Umzug nach Dessau, bedingt durch eine konservativ-reaktionäre Landesregierung in Thüringen, ermöglichte es Gropius, ein neues Bauwerk auf diese Ideen zuzuschneidern. 

2. Die Führung

Unsere Guide führt uns weiter durchs Gebäude und an markanten Stellen nach Außen. Wir haben Glück mit dem Wetter. Die Sonne scheint so, dass die Balkonfassade ein Schattenspiel aus geraden Linien und Flächen wirft. Ganz Bauhaus. Im Inneren weist uns die engagierte Dame immer wieder auf Dinge hin, die man auf den ersten Blick nicht wahrnimmt, die aber entscheidend sind für das Raumerlebnis. Zum Beispiel die Farbgestaltung: ein rhythmischer Wechsel von grauen und schwarzen Flächen. Spiegelnde Elemente zur Erweiterung der räumlichen Ebene. Das funktioniert zum Beispiel in der Aula, indem geschlossene Fensterscheiben die Deckenleuchtröhren reflektieren. 

Unsere Guide erklärt außerdem, dass eine Radtour den begeisterten Radfahrer Marcel Breuer auf die Idee brachte, Möbel aus Stahlrohr zu entwerfen. Die Designklassiker entstanden in Zusammenarbeit mit den in Dessau beheimateten Junkers Flugzeug- und Motorenwerken. Im Bauhaus-Gebäude erleben wir ständig neue Ein- und Ausblicke. Etwa durch ein Panoramafenster auf den damals revolutionären „Glasvorhang“, eine transparente Fassade, die wie ein Vorhang vor der tragenden Stahlbetonkonstruktion hängt. Sie stellt jedoch keinen Sichtschutz dar. Im Gegenteil: Die Glasfassade gab den Blick in die Werkräume frei. „Innen- und Außenraum durchdringen sich“, erklärt unsere Guide diese Idee von Gropius.

3. Die Meister

Weiter geht es mit einer anderen Guide zu den Meisterhäusern. Die Meister übernahmen am Bauhaus die Funktion von Dozenten. In der Bezeichnung drückte sich die Wertschätzung für das Handwerk sowie der Wunsch nach flachen Hierarchien aus. Die Bauhaus-Meister leiteten die Werkstätten und dort die Studierenden an. Angesehene Künstler wie Wassily Kandinsky, Paul Klee und Lyonel Feininger lehrten am Bauhaus. Dass das Meisterkonzept tatsächlich akademische Hierarchien abbaute, darf bezweifelt werden. Johannes Itten, Kunstpädagoge und prägende Figur des frühen Bauhauses, befleißigte sich zum Beispiel eines dogmatischen Stils und versuchte, Studierende an den von ihm praktizierten Mazdaznan-Kult zu binden. (—> Mazdaznan: eine von Otto Haenisch begründete Mischreligion mit persischen, christlichen und hinduistischen Elementen).

Die Meisterhäuser liegen an der Ebertallee in einem Kiefernwäldchen. Darin vermitteln sie mit ihren weißen kubischen Formen ein bisschen Urlaubsflair. Innen waren die Häuser höchst modern ausgestattet. Die praktischen Einbauschränke wecken heute noch neidvolle Blicke. Meister wie Kandinsky nutzten ihren Wohnbereich gleichzeitig als Ausstellungsraum für ihre Kunst. Nach außen hin bewiesen die Häuser, wie modernes Bauen in den 1920er-Jahren ging. Zwei Häuser wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört und erst Jahre nach der Wiedervereinigung bewusst rudimentär wieder aufgebaut. „Der Unterschied zu den noch erhaltenen Häusern soll sofort erkennbar sein“, sagt unsere Guide.

4. Die Vorläufer

Das Bauhaus war innovativ, aber damit keinesfalls allein in der Welt. Die Schule stellte eine von vielen Antworten auf die Moderne dar, wie „De Stijl“ (Niederlande), dem russischen Konstruktivismus, der Neuen Sachlichkeit und der organischen Architektur des US-Amerikaners Frank Lloyd Wright. Zudem hatte das Bauhaus natürlich Vorläufer, vor allem die englische Arts-and-Crafts-Bewegung, mitbegründet durch den Maler und Architekten William Morris. Er setzte schon im 19. Jahrhundert auf Handwerk anstelle von Maschinenproduktion, auf hochwertige Materialien anstelle von Massenwaren. In Deutschland nahm der Werkbund einen entscheidenden Einfluss aufs Bauhaus. Es handelte sich dabei um einen 1907 gegründeten Interessenverband, dem auch prägende Persönlichkeiten des Bauhauses angehörten wie Henry van der Velde, Walter Gropius und Mies van der Rohe. Anders als Morris lehnte der Werkbund industrielle Fertigung nicht ab, sondern wollte die „Veredelung der gewerblichen Arbeit im Zusammenwirken von Kunst, Industrie und Handwerk“ (Auszug aus der Satzung). So gehörten auch Unternehmen zu den Gründungsmitgliedern. Was die Mitglieder einte, war das Bestreben nach einem neuen Qualitätsbewusstsein. 

Alles andere als fortschrittlich war das Bauhaus in Sachen Frauenbewegung. „Wo Wolle ist, ist auch ein Weib, das webt, und sei es nur zum Zeitvertreib.“ Dieses viel zitierte Zitat von Oskar Schlemmer hören wir im Lauf der Führungen öfter. Im Bauhaus-Museum lässt sich vertiefen, wo und wie begabte Frauen eingesetzt wurden: zumeist eben im Bereich der Weberei und Textilgestaltung, außerdem bei der Gestaltung von Keramik. Metall verarbeitende Künstlerinnen wie Marianne Brandt bildeten die Ausnahme. Dabei die von ihr entworfene Teekanne höchst praktisch. Anders als die für Fürstenberg designte Porzellankanne von Wilhelm Wagenfeld. Ich habe sie mir als Studentin mühsam zusammengespart – nur um festzustellen, dass die gefüllte Kanne so ein Übergewicht entwickelt, dass sie kaum zu handhaben ist.

5. Die Siedlung Törten und einige Tipps

1932 endete die kurze Ära des Bauhauses in Dessau. Ursprünglich von einem aufgeschlossenem Stadtrat geholt, musste die Schule auf politischen Druck schließen: Die NSDAP beherrschte nach den Kommunalwahlen 1931 den Rat. Mies van der Rohe versuchte, das Bauhaus in Berlin als private Einrichtung weiterzuführen. Durch zunehmende Repressalien des NS-Regimes sah er sich 1933 gezwungen, das Bauhaus endgültig aufzulösen. 

Mit dem Rad: Bei unserem Ausflug nach Dessau hatten wir Glück mit dem Wetter und Räder dabei. Wenn es nicht gerade Hunde und Katzen regnet, ist das der beste Weg zwischen den Bauhausstätten. Zumal das Kornhaus an der Elbe und die Siedlung Törten im Süden von Dessau ein gutes Stück vom Stadtzentrum entfernt liegen. Die Fahrt dorthin lohnt sich in beiden Fällen. Im ersten Fall geht es über idyllische Parkwege, im zweiten durch unterschiedliche Stadtgebiete. Das Kornhaus wurde Ende der 1920er-Jahre von einem Mitarbeiter von Gropius, Carl Fieger, als Ausflugsgaststätte entworfen. Etwa zur gleichen Zeit fertigte Gropius den Entwurf für die Siedlung Törten, einer Arbeitersiedlung mit Reihenhäusern. 

Die Führungen im Bauhaus-Gebäude, im Bauhaus-Museum und durch die Meisterhäuser sind getrennt zu buchen. Außerdem gibt es Kombitickets für die Bauhaus-Stätten in Dessau. Alles kann online gebucht werden, wir haben uns allerdings vor Ort im Bauhaus-Museum beraten lassen (waren aber auch zugegeben an einem wenig frequentierten Wochenende in der Stadt).

Zum Essen empfahl uns eine Guide das Brauhaus „Zum Alten Dessauer“ und das Teehäuschen. Im Brauhaus sitzt man bei deftigen Speisen wie Schweinsbraten in einem urigen Biergarten. Im Teehäuschen, einem ehemaligen Gartenhäuschen, haben wir so gut beim Eiscafé auf der Terrasse gesessen, dass wir für den Abend gleich einen Tisch reserviert haben. Die Pizzen sind in jedem Fall zu empfehlen. 

Hotel: B&B HOTEL Dessau (super zentral und genau richtig für eine Städtetour, bei der man nur zum Schlafen wieder ins Hotel kommt).

Frühstück: Café Hilde in der Fußgängerzone (kleine, aber feine Auswahl vom französischen Frühstück zur gesunden Früchtebowl).

Alle Fotos: Schwarze